Durst nach echter Heimat - Halte durch, Miriam

Roman für Leser ab zehn und All-Age-Roman 
von © Maria Jachin-Kay
Neuauflage als Gesamtband 2025 bei Tredition

Inhalte von Youtube werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf “Zustimmen & anzeigen”, um zuzustimmen, dass die erforderlichen Daten an Youtube weitergeleitet werden, und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutz. Du kannst deine Zustimmung jederzeit widerrufen. Gehe dazu einfach in deine eigenen Cookie-Einstellungen.

Zustimmen & anzeigen

Kurzvideo von Durst nach echter Heimat


Der 2025 erschienene Gesamtband enthält die leicht gekürzten, nach der Rechtschreibreform 2025 korrigierten Bände:
Teil 1 - Halte durch, Miriam und 
Teil 2 - Vertrau auf den Talisman, Miriam. 

Durst nach echter Heimat - Halte durch, Miriam! 
(von Maria Jachin-Kay, erschienen bei Tredition). 
Lesealter: ab 10 Jahren
ISBN:  978-3384718723 
Erhältlich bei Tredition und im Buchhandel 
online oder auf Bestellung im Geschäft.

Leseprobe von "Durst nach echter Heimat"

Aus Kapitel 1, Miriams weite Reise (S. 23 - 33) 

Im Camp der Insel 

 

Der Rettungswagen mit Miriam fuhr durch die halbe Stadt Catania bis zu einem langen hohen Drahtzaun. Beim Aussteigen roch Miriam den Duft naher Zitronenbäume. Jenseits des Zauns sah sie hinter etlichen bunten Häusern und Wiesen einen Bergriesen. Wie ein Wahrzeichen thronte jener Berg über der Insel. Schweigend ließ sie sich durchs Gittertor in das mit Menschen überfüllte Lager hineinführen. Der Rettungshelfer führte sie zum Heimleiter. Er übergab ihm einen Zettel mit Miriams Namen und der Klinikadresse ihrer Mutter. 

»Arrivederci!«, verabschiedete er sich eilig und überließ Miriam ihrem Schicksal. 

Der schlicht gekleidete Leiter des Camps sprach das zitternde Kind auf Arabisch an. »Sieh an, wir bekommen einen neuen, ganz jungen Gast. Hallo, Mädchen!« 

Durch jene freundlichen Worte ermutigt, fragte Miriam: 

»Hätten Sie bitte etwas zu trinken und zu essen für mich? Ich habe großen Durst und einen Bärenhunger!« 

Der Betreuer schmunzelte. »Du siehst aber nicht wie ein Bär aus. Gedulde dich. Bald bekommst du eine Mahlzeit.« 

Wie froh war Miriam darüber, dass der Herr Arabisch sprach! Ihre Angst ließ nach. Doch sie fühlte sich weiterhin schwindelig. 

»Heißt du Sara Salib?«, fragte der Mann. 

Das Mädchen schaute zu ihm auf und schüttelte verneinend den Lockenkopf. »Nein! Das ist der Name meiner Mutter. Ich bin Miriam Salib.« 

»Ach so!« Der Heimleiter reichte ihr die Hand. »Komm! Ich zeige dir deine Schlafstelle.« 

Er führte sie zu einem riesigen, schmucklosen Raum. Bang, mit knurrendem Magen, betrat Miriam den Saal, wo viele Menschen auf Betten saßen oder lagen. Der Betreuer schritt zu einem Stockbett, das ein Paravent vom nächsten Bett trennte. An der Bettleiste befestigte er ein Schild mit dem Namen »Salib«. 

Miriam warf ihren Sack wie einen Ball zur oberen Matratze hinauf. Sie schlüpfte aus ihren staubigen Socken und kletterte an der Leiter hoch. Im Bett kniend schaute sie zufrieden hinab. 

»Diese Schlafstelle gefällt mir«, bemerkte sie. »Ich habe noch nie so hoch oben geschlafen. Unten werden meine Mutter und das Baby liegen. Ach! Wären sie doch schon hier!« Sie zog die nassen Kleider aus dem Sack und hängte sie über die obere Bettleiste. 

»Komm her!«, befahl der Herr. »Ich zeige dir die Waschräume, die Küche und den Speisesaal.« 

 

»Okay!« Miriam fühlte sich schwach vor Hunger. Als sie die oberste Leitersprosse betrat, um hinabzuklettern, wurde ihr so schwindelig, dass sie wie ein Plumpsack herunterfiel. Hätte der Herr sie nicht aufgefangen, so wäre sie hart am Boden gelandet. 

Während er sie in seinen Armen hielt, fragte er: »Wie geht es dir? Was hast du?« 

»Alles hat sich gedreht«, flüsterte Miri. »Ich bin so hungrig!« 

Vorsichtig stellte der Lagerleiter das Mädchen auf den Boden. »Da gibt es nur ein Heilmittel: subito Proviant zu besorgen. Übrigens, nenn mich einfach Tonio!« 

Am Weg zur Kantine erfrischte sich Miriam kurz in einem Waschraum. Bei ihrer Ankunft im von Essensgeruch erfüllten, mit Menschen überfüllten Speisesaal verteilte man bereits gefüllte Teller. Da sich Miri in der Wartereihe anstellte, verabschiedete sich der Herr: 

»Guten Abend, kleine Dame! Mach’s gut!« 

»Darf ich morgen meine Mutter im Spital besuchen?«, fragte Miriam noch schnell. 

Tonio schüttelte den Kopf. »Nein, das geht nicht! Bleib hier, im sicheren Heim, bis deine Mama mit dem Baby zurückkehrt!« 

Enttäuscht bedeckte Miriam ihr Gesicht mit den Händen. Als sie sich wieder umsah, war der Betreuer verschwunden. 

Nach einer Spaghetti-Mahlzeit an einem Tisch mit Fremden schleppte sich Miriam in den noch hellen Schlafraum. Mit letzter Kraft kletterte sie auf das Stockbett empor. Sie ließ sich ins Bett fallen, zog die Decke bis übers Ohr und schlief sofort ein. 

 

Als Miriam am nächsten Tag erwachte, schien heller Sonnenschein durch die Fenster zu ihr herein. Sie rieb sich die Augen. »Wo bin ich nur?«, überlegte sie. Ihre Hand griff nach ihrem Halsband, der schlichten Schnur. Jetzt erinnerte sie sich wieder an die Ereignisse des Vortags. Aufrecht stellte sie sich aufs Bett. Von dort aus hatte man einen guten Überblick über den zurzeit wenig bevölkerten Saal. Sein einziger Schmuck war eine lange Reihe hoher Fenster mit einer schönen Aussicht auf die sonnenbeschienene Wiese des Lagers. 

Unvermutet rasselte eine Klingel. Miriam vermutete, sie kündige das Frühstück an. In Windeseile wechselte sie ihr Gewand und kletterte vom Bett herab. Ihr veilchenblaues Kleid, das sie nun trug, wärmte weniger als der Trainingsanzug. Daher schlüpfte sie in ihre Wollsocken, ehe sie in den Waschraum eilte. Dort lagen neue Zahnbürsten bereit. Sie wusch sich mit viel Seifenschaum. Zum Duschen blieb keine Zeit. Kämme gab es keine. 

Unfrisiert stürmte Miriam in den Speisesaal. Zu ihrem Erstaunen hatte die Klingel nicht zum Frühstück, sondern bereits zum Mittagessen aufgerufen. Nachdem sie eine Portion Gemüse geholt hatte, setzte sie sich zu einer Familie an den Tisch. Ihre Sitznachbarin, ein zehnjähriges Mädchen mit dunkler Haut, fragte auf Arabisch: 

»Hey, du! Warum bist du allein? Wo sind denn deine Eltern?« 

 

Miriam erwiderte ihren freundlichen Blick. »Meine Mutter ist in der Klinik; sie bekommt ein Baby. Mein Vater wurde vor einigen Monaten im Krieg erschossen.« 

Das dunkelhäutige Mädchen mit schulterlangem schwarzem Haar schwieg betroffen. Bald lächelte sie wieder. »Es freut mich, dich kennenzulernen! Ich bin Soraya, und wie heißt du?« 

Miriam nannte ihren Namen. 

Sorayas Mutter lud liebenswürdig ein: »Miriam, leiste uns oft Gesellschaft! Magst du mein halbes Dessert?« 

Miri nahm den Pudding gerne an. Geduldig ließ sie sich von der Dame die zerzausten Haare bürsten. Danach unterhielten sich Miriam und Soraya prima und spielten miteinander Karten. 

 

Tage und Stunden vergingen. Das Wetter blieb warm, sodass niemand im Flüchtlingsheim fror. Auch bei heiterem Sonnenschein konnte Miriam nicht unbekümmert sein. Würde die Mutter wirklich zu ihr ins Lager nachkommen? Bei Tag und Nacht trennte sich Miri nicht von ihrem Halsband, dem Talisman. Sooft sie Tonio traf, fragte sie: 

»Kommt heute meine Mama mit dem Baby?« 

Dann tröstete er immer: »Kleine Dame, mach dir keine Sorgen! Vielleicht kommt sie morgen?« 

Nachdem eine Woche verstrichen war, wurde Miriam des Wartens müde. Eines Morgens, beim Frühstück, kaute sie lustlos an einem Brötchen und seufzte oft. Soraya, die ein langes grünes Sommerkleid trug, versuchte, sie aufzuheitern. 

»Möchtest du mit mir spazieren gehen?« 

 

Miriam sah die Haustür einladend offenstehen. »Ja, gern!« 

Bald verließen die beiden Mädchen das Haus. Ziellos schlen-derten sie über die sonnenbeschienene Wiese. Sie kamen an vielen Menschen vorüber, die auf Bänken saßen oder umhergingen. Im Schatten hoher Palmen entdeckten sie meditierende Frauen, unter denen sich Sorayas Mutter befand. Soraya nahm Miri an der Hand und schlich sich mit ihr zu ihnen. Im nächsten Moment lag Miriam wie die anderen auf den Knien, den Kopf zur Erde neigend. Unentwegt flehte sie: 

»Lieber Gott, bitte hilf, dass meine Mama bald mit dem Baby zu mir zurückkommt!« 

Plötzlich fühlte sie eine Berührung an der Schulter. Als sie sich aufrichtete, erblickte sie ihre geliebte Mutter. 

»Hallo, Miri, mein Liebling«, grüßte diese. 

Voll Freude umarmten sich die beiden. Miriam schaute sich um. Doch was sie suchte, fand sie nicht. Nirgends war ein Neugeborenes zu sehen. Sie erschrak. 

»Mama, wo ist unser Baby? Warum ist es nicht da? Ist etwas passiert?« 

»Mach dir keine Sorgen!« Sara lächelte einen Augenblick lang. Geheimnisvoll presste sie die Lippen zusammen. »Bald fahren wir zusammen zur Klinik. Dort wirst du alles sehen.« 

»Sag, ist es ein Brüderlein oder ein Schwesterlein?« 

»Ein Mädchen ist es nicht.« Die Mutter schmunzelte. 

»Also habe ich einen Bruder«, freute sich Miri. 

»Einen? Lass dich überraschen!« Sara setzte sich auf eine im Palmenschatten stehende Bank. Sie wirkte verhältnismäßig schlank; die Jacke des Trainingsanzugs war ihr viel zu weit. 

Miriam streckte jubelnd ihre Arme in die Höhe. »Bald besuche ich mein Brüderlein. Dann darf ich raus aus dem Lagergefängnis!« 

Die Mutter betrachtete die Kleine, ihr frisch gewaschenes, veilchenblaues Kleid und ihre funkelnden Augen. 

»Liebling, wie gut hast du die Trennung verkraftet!« 

»Mama, komm, ich zeige dir das ganze Camp!« 

Sara erhob sich. Während Soraya unter den Palmen blieb, spazierten Miriam und ihre Mutter im Lagergebiet umher. 

 

 

Am folgenden Morgen, während sie das Frühstück aß, fragte Sara ihr Töchterchen: »Willst du am Vormittag mit mir die Babys besuchen? Tonio gab mir Busfahrkarten für dich und mich.« 

Miriam war sofort begeistert. Sie trank ihren Kakao in großen Zügen leer und machte sich voll Fröhlichkeit zum Fortgehen bereit. 

Wie glücklich und frei fühlte sie sich beim Verlassen des Lagergeländes! Zitronenduft atmend richtete sie ihren Blick zum Horizont. Die Sonne lachte warm und freundlich herab, als freue sie sich über Miriams Glück. Eine kräftige Brise ließ Federwolken wellenförmig am Himmel tanzen. In der Ferne sah man den mächtigen Berg. Miri und ihre Mutter wanderten an schmucklosen Häusern vorbei zur Busstation. Nach einer kurzen Wartezeit stiegen sie in einen staubigen grünen Bus ein. Im ratternden Fahrzeug stehend fragte Miriam:

»Mama, sind wirklich alle unsere Sachen mit dem Schiff untergegangen? Treibt meine Lieblingspuppe jetzt im Meer?« 

»Ja, leider!«, seufzte Sara. »Alles ist weg: das ganze Gepäck und die Wertsachen. Aber die Hauptsache ist: Wir haben überlebt und sind dem Krieg entkommen. Bald finden wir in Europa eine bessere Heimat.« 

 »Wo es einem jederzeit gutgeht«, ergänzte Miriam. 

Dann schwiegen die beiden, denn Fahrgäste hatten um Ruhe gebeten. Nahe dem Krankenhaus stiegen sie aus dem Bus aus. 

 

Im Eilschritt steuerten Miriam und Sara auf die Säuglingsstation zu. Dort wanderten sie einen langen, mit drolligen Babyfotos geschmückten Gang entlang bis zu einer Glastür. Eine Säuglings-schwester empfing sie freundlich. Sara übersetzte ihre Worte der Begrüßung. 

»Du bist also die Schwester unserer lieben Drillinge. Ich freue mich über deinen Besuch.« 

Miriam war sprachlos vor Staunen, mit einem Schlag drei Brüder bekommen zu haben. Vor Freude hüpfend eilte sie an Saras Hand zu drei offenen gläsernen Wärmebettchen hin. 

»Schau, Miri«, sagte Sara. »Sind die Babys nicht süß?« 

»Ja, wie Engelchen vom Paradies«, flüsterte das Mädchen. »Wie heißen sie denn?« 

»Im blauen Bettchen liegt Samuel, im gelben Rafael und im grünen Daniel.« Sara zeigte hin. 

Miriam betrachtete still ihre zarten Brüder, wie sie die rosigen Köpfchen leicht bewegten. Da fing Rafael an, vor Hunger zu schreien. Die Schwester hob ihn aus dem Bett, hüllte ihn in eine Decke und überreichte ihn seiner Mutter. 

 

Sara gab Miri einen Wink, ihr zu folgen. Sie begab sich in einen Erholungsraum und setzte sich auf einen Lehnstuhl. Kaum stillte sie den Kleinen, hörte er auf zu weinen. Nun kam auch schon die Schwester mit den übrigen Brüderchen herein. 

»Bald kommen Pressereporter!«, sagte sie auf Englisch. »Sie haben erfahren, dass Drillinge geboren wurden. Das finden sie sensationell.« 

Sie schritt auf Miriam zu, übergab ihr Samuel und drückte ihr ein Fläschchen in die Hand. Dabei zeigte sie ihr geduldig, wie man ein Baby füttert. Entzückt betrachtete Miri ihren winzigen Bruder, wie er sog und schmatzte. 

»O Samuel, wie lieb bist du!«, flüsterte sie. »Du bist mir viel lieber als meine Lieblingspuppe.« 

Derweil kümmerte sich die Krankenschwester um Daniel. Als auch er satt war, legte sie ihn neben Rafael auf Saras freien Arm. Im nächsten Augenblick kamen die Presseleute an. Sie grüßten und bemerkten: 

»Was für drollige Drillingsbabys!« 

Miriam wurde angehalten, sich mit Samuel in den Armen zur Mutter zu stellen. Die Kinderschwester setzte ihm ein weißes Häubchen auf. Seine Brüder auf Saras Schoß bekamen je ein blaues. Ein Fotograf schoss von einer Zimmerecke aus so viele Fotos, dass es blitzte wie bei einem Gewitter. 

Nachher interviewte ein Reporter die Mutter, ein Mikrofon haltend. Ständig am Ohrläppchen zupfend stellte er auf Englisch zahllose Fragen. Miriam verstand kaum ein Wort. Sie saß still auf einem Kindersessel und wiegte Samuel in den Armen. 

Nachdem die Reporter fort waren, blieben Sara und ihr Töchter-chen bis zum späten Abend im Krankenhaus. Miri gefiel es, den Drillingen Fläschchen zu reichen und ihre zarten Wangen zu streicheln. Wie lieb hatte sie alle drei. 

Als Sara und Miriam das Hospital verließen, war es schon nachtdunkel. Nach der Busfahrt, am Fußweg zum Lager, betrach-teten die beiden still den Sternenhimmel und den Mond. Im Heim angekommen, legten sie sich sofort schlafen. Lebhaft träumte Miri von ihren Babybrüderchen.

Miriam und die Gauner

 

Schnell verging die Zeit. Schon begann der sonnige Monat Mai. In den vergangenen Wochen hatte Miriam ihre Mutter oft zur Klinik begleitet und dort mit ihr den Tag verbracht. Obwohl die Drillinge bereits blühend und kräftig aussahen, waren sie noch immer im Spital.

Eines Nachmittags, als Miri am Vorplatz des Heims umher-spazierte, beobachtete sie, wie ein Lastauto an den Zaun heranfuhr. Quietschend bremsend hielt es vorm Gittertor an. Ein Herr in einer Rotkreuz-Uniform stieg aus und öffnete die hintere Wagentür. Er fing an, schwere Säcke abzuladen.

Miriam rief dem Heimleiter entgegen, der herbeikam: 

»Tonio, bringt man die Beutel für uns Flüchtlinge?«

»Wir werden es herausfinden, kleine Dame«, antwortete er, die Jutesäcke prüfend. »Aha! Auf den Säcken kleben Etiketten mit der Aufschrift: ›für Familie Salib‹.« 

»Hast du denn richtig gelesen, Tonio?«, war die Antwort. »Ich glaub es nicht« 

Der Betreuer zog eine Zeitung aus der Jackentasche heraus und hielt sie vor Miriams Gesicht. Sein Finger zeigte auf ein Bild der Titelseite. Darauf sah man Miriam, wie sie ein Baby in den Armen hielt. Neben ihr saß die Mutter mit Daniel und Rafael am Schoß. Samuels Mützchen leuchtete blütenweiß und jene seiner Brüder himmelblau.

»Das ist ein bezauberndes Foto.« Miri lächelte.

»Im Artikel bat man um Hilfsgüter«, erklärte Tonio. »Ich nehme an, in den Säcken sind Sachspenden für euch.«

Eben hob der Sanitäter zwei Kinderwagen vom Laster. Er wechselte mit Tonio ein paar Worte auf Italienisch. Dann winkte er Miriam zu sich herbei und übergab ihr ein Kuvert. Der Heimleiter übersetzte seine Worte.

»In diesem Umschlag sind zehn Hunderteuroscheine. Ich sollte sie eigentlich deiner Mutter persönlich überreichen. Kann ich vertrauen, dass du ihr die Spende verlässlich gibst?«


»Si, grazie!«, versicherte Miri mit dankbarer Freude. Seit sie in Italien weilte, hatte sie schon ein bisschen Italienisch gelernt. 

 

Sara kehrte erst am späten Abend ins Lager zurück. Bei ihrer Ankunft im Schlafsaal jubelte Miriam vom oberen Stockbett aus:

»Mama, sieh dir die riesigen Säcke an! Dank unserer lieben Drillinge hat man uns so reich beschenkt.«

»O so viele schöne Sachen! Gehören sie wirklich uns?« Beim Anblick der Kinderwagen und der prall gefüllten Jutesäcke schlug Sara die Hände zusammen. 

»Ja, und das ist noch nicht alles!« Miriam rutschte die Leiter herab. Bis über beide Ohren strahlend überreichte sie der Mutter das Kuvert mit den zehn Hunderteuroscheinen.

Sara griff sich vor Staunen an den Mund, als sie die Scheine sah. »Es gibt doch hier und heute noch herzensgute Leute.« Da sie keine Geldbörse besaß, legte sie den Umschlag samt dem wertvollen Inhalt verschlossen neben ihr Kopfkissen. 

Miriam kletterte wieder auf ihr Bett hinauf. Dort machte sie so hohe Luftsprünge, dass das Metallgestell wackelte. »Hurra!«, rief sie laut. »Wir wurden beschenkt. Jetzt sind wir reich.«

Sara lehnte sich an die Sprossenleiter. »Pst, sei leise! Weck die Schlafenden nicht auf! Und wer weiß, ob dich ein Ganove hört?«

Miriam ließ sich aufs Bett plumpsen. »In den Säcken ist sicher mehr, als wir brauchen. Das Überflüssige schenken wir anderen armen Flüchtlingskindern.«

»Ja, meine brave Miri.« Sara lächelte. »Morgen sehen wir uns die Spenden an und verteilen alles, was wir nicht benötigen.«

Miriam hätte gern gewusst, was sich alles in den Säcken befand. Doch sie bezwang ihre Ungeduld, schlüpfte unter die Decke und faltete die Hände. Nach einem kurzen Dankgebet fiel sie in einen seligen Schlummer. Dabei träumte sie von riesengroßen Last-wagen und bunten hüpfenden Säcken.

 

Mitten in der Nacht erwachte Miriam. Durchs unverhüllte Fenster schien der Mond fahl in den dunklen Saal. Mit einem Mal hörte sie tappende Schritte! Abrupt setzte sie sich auf. Da sah sie an der Wand zwei sich nähernde Menschenschatten. Voller Angst schlüpfte sie unter die Bettdecke und zog sie bis über ihren Kopf.

Nun war es aber notwendig, die schattenhaften Gestalten zu beobachten, um sich im Ernstfall verteidigen zu können. Daher nahm Miri all ihren Mut zusammen. Sie rückte an den Bettrand und lüftete ein wenig die Decke, sodass ein Sehschlitz entstand. Gespannt verfolgte sie das Geschehen. Wie sehr zitterte sie, als die Schatten immer näher an ihr Bett herankamen!

Plötzlich leuchtete eine Taschenlampe auf. Miriam erblickte einen hageren glatzköpfigen Mann. Ihm folgte ein kleiner Schwarzer mit verfilztem Kraushaar. Von Grauen erfasst, beobachtete Miri ihr Treiben. Die Gauner öffneten sämtliche Säcke. Gierig durchstöberten sie alle Sachen. Sie zogen Strampelhosen, Windeln und Milchpulverdosen heraus. Zum Glück hatten sie daran kein Interesse. Dochsie warfen alles auf einen unordentlichen Haufen.
Jäh erdreiste sich der struppige Schwarze, sich in Saras Bett hineinzubeugen! Miriam erstarrte vor Angst.