PAULI-ASS - IN EINE ANDERE WELT ENTFÜHRT                      

Hörprobe und Leseprobe

Hörprobe 

Höre den Anfang der spannenden Geschichte von Pauli-Ass!

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LESEPROBE 

Pauli-Ass - In eine andere Welt entführt 

Kapitel 1  

Von der Heimat aus geht es hoch hinaus 

Romananfang 

Ein geheimnisvoller Fund 

Fußball spielend preschte ein zehnjähriger Junge mit mokkabraunem Kurzhaar über die blühende Wiese eines Häuserhofs. Sein weißes T-Shirt mit Kapuze wehte leicht im Wind, die Jeans waren bis zu den Waden hochgerollt. Beim Laufen in der Sonne glühte sein schmales, ebenmäßiges Gesicht. Am Horizont, über den sanften Hügeln der Vorstadt, zogen Wolken auf. Sie wirkten wie grau-weiße Geister, durch deren »Augen« das Blau des Himmels schimmerte. 

Mal stieß der gelenkige Junge namens Paul-Lias den Ball mit den Schuhspitzen an, mal hüpfte er darüber. Ein weißer Königs-pudel tollte neben und vor ihm herum. Der lederne Fußball rollte unter eine Hängeweide, deren feine Zweige sich schattensuchend zum Boden neigten. Paul-Lias holte ihn von dort hervor und schleuderte ihn zurück auf die Wiese. Voll Elan jagte er ihm mit nackten Waden hinterher. Bald schoss er den Ball mit einem kräftigen Tritt auf ein Reck mit zwei Stangen zu, unter dem er hindurchrollte. 

 

»Tor!«, rief Paul-Lias, die Arme hochstreckend. Dabei stellte er sich vor, er habe einen Gegner besiegt. Doch der Freudenglanz vertrieb den Ernst seiner seegrünen Augen nicht ganz. Ihm kam sein Vater in den Sinn. 

Der Königspudel sprang an seinem jungen Herrchen hoch und leckte voll Liebe seine Wangen. 

»Ist ja gut, mein lieber Scolli. Ich weiß eh: Du hast mich zum Fressen gern.« Paul-Lias streichelte das lockige weiße Köpfchen und den glatt geschorenen Pudelrücken. 

»Hallo, Paul«, grüßte jetzt eine mollige blonde Neunjährige in grünen Shorts und einem Kurzarmpulli, einen kleinen Stoffsackschwenkend. Sie rannte zum Lederball hin, hob ihn auf und prellte ihn spielerisch. 

 

»Hey, meine liebe Schulkollegin!« Paul-Lias schritt breit lächelnd auf sie zu. »Guten Morgen, Sophie! Bist du auf dem Weg zum Bäcker, um was fürs Frühstück zu holen?« 

»Erraten. Aber vorher habe ich dir etwas total Wichtiges zu sagen.« Sophies Hände warfen ihm den Ball zu. 

Pauls Fuß spielte ihn zu ihr zurück. »Was denn? Sag es mir.« 

»Gestern Nacht sah ich etwas Seltsames am Himmel. Es blitzte und flitzte fast so schnell wie eine Sternschnuppe, wirkte aber viel größer. Hast du eine Ahnung, was das gewesen sein könnte?« 

Paul-Lias legte nachdenklich die Hand ans Kinn. »Ich tippe auf ein fliegendes Flugzeug, das am Nachthimmel blinkte.« 

Sophie hob den Ball auf und kam näher. Ihre grauen Augen sahen zu Pauls gebräuntem Gesicht hoch. »Nein, es blinkte viel heller und sauste schneller. Ich glaube, es war ein Ufo von einem anderen Stern.« Sie knüllte die Tüte in ihren Händen. »Kennst du dich in Sachen Ufos aus, Einserkönig?« 

»So lala. Sophie, nenn mich nicht ›Einserkönig‹! Ich bin kein Streber. Wegen meiner megastrengen Mutter lerne ich so fleißig. Sonst würde sie mich nicht in den Urlaub mitnehmen.« Paul-Lias bückte sich unter den Weidenbaum und hob den Ball auf. 

»Bei mir nützt alles nichts.« Sophie verschränkte die Arme. »Mein Zeugnis wird katastrophal ausfallen. Daher verdonnern mich meine Eltern dazu, in den Ferien stundenlang zu pauken. Wie fade!« Ihre Augen bekamen einen tränenfeuchten Glanz. »Am liebsten möchte ich fort – fort von dieser Welt.« 

»Tja, meine Liebe. In welcher anderen Welt willst du dann leben? Am Planeten Jupiter?« Paul schwenkte schmunzelnd ihre blonden Zöpfe.  »Nimmst du mich mit als deinen Ritter?« 

 

»Paul-Lias, mach keine Witze!« Sophie schob seine Hände sanft von ihren Zöpfen weg. »Es wäre aber total ritterlich von dir, mir nachmittags oft die Langeweile im Hof zu vertreiben. Kann ich auf dich zählen?« 

»Ja klar! Nur nächste Woche bin ich nicht da. Meine Mutter und ich fahren in die Berge.« Paul-Lias kraulte dem an seine Beine geschmiegten Pudel die Ohren. »Wir verlassen uns nicht mehr allein auf die Bergrettung. Wir werden den Vater auf eigene Faust suchen.« 

 

»Echt jetzt?! Haben die Berge deinen Vater verschluckt?« Sophie schüttelte nachdenklich den Kopf. »Neulich hat er doch noch mit uns Fußball gespielt.« 

»Stimmt! An einem sonnigen Samstag.« Paul-Lias schaute verträumt ins Leere. »Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Ball in unser provisorisches Tor schoss. Und wie happy er mich umarmt hat. Aber am Tag danach kehrte er von seiner Bergtour nicht heim. Fort war er – spurlos verschwunden! Bis jetzt hat man ihn noch nicht gefunden.« 

»Das ist megaschlimm.« Sophie schwenkte einen Zweig der Weide so kräftig, dass die dünnen Blätter staubten. »Ach ja. Im Radio brachte man Nachrichten über einen Bergsteiger, der am Dachstein gesucht wird. Ist das dein Vater?« 

»Ja, genau der.« 

»Paul-Lias, ich drücke dir die Daumen für die Suche. Jetzt muss ich aber zum Bäcker.« 

»Tschüss, Sophie, mach’s gut!« Pauls Hände prellten den Ball. 

Die Kameradin zupfte den Saum ihres bunten Sommerpullis zurecht. Dann wandte sie sich winkend zum Gehen. Am Parkplatz hinter der Wiese stieß sie mit einer Dame zusammen, deren blond gefärbte Frisur tipptopp gestylt war. 

 

»Hallo, Frau Tippitopp«, grüßte Sophie salopp und rannte mit wehenden Zöpfen an ihr vorbei. 

 

Die Dame namens Helga Tippitopp blieb kurz stehen. Der weiße Pudel sprang freudig bellend an ihr hoch. Die schlanke Blondine, die graue Leggings und eine knielange, grün-weiß gestreifte Bluse trug, streichelte ihn. Begleitet vom Hund trippelte sie in Stöckel-schuhen zu ihrem Sohn hin. 

»Du, Pauli«, sagte sie, »ich gönne mir hier unten ein paar Minuten Ruhe. Oma packt daheim unsere Sachen – ihre Hektik macht mich nervös.« Helga setzte sich bequem auf eine nah der Weide stehende, grün lackierte Bank. »Bald gibt’s Frühstück und danach geht die Reise los.« Entspannt legte sie ihr Gesicht in den Nacken und sonnte es. 

»Mama, hoffentlich spielt uns das Wetter keinen Streich.« Paul-Lias sah zum Himmel auf. Die Geisterwolken hatten sich verdich-tet und schoben sich langsam vor die Sonne. Da sein Pudel bellte, bückte er sich, fand ein Ästchen und warf es weit über die Wiese. »Hol das Apportl, Scolli!«, rief er. 

Übermütig preschte der Pudel durch das niedrige Gras voller Gänseblümchen. Vor dem grau-weißen Stamm einer hohen Birke schnappte sein Maul das dort gelandete Ästchen, ließ es jedoch wieder fallen. Neugierig schnupperte er im Gras an einem Federknäuel. 

»Scolli, was hast du da gefunden?« Paul-Lias war hinzuge-laufen. »Nimm es nicht ins Maul!« Er bückte sich. Vorsichtig nahm er das schwarz-weiße Knäuel in die Hände und strich über die weichen Federchen. »Jö, wie lieb ist dieses Vogelbaby!« 

Mit dem Federknäuel in den Händen erhob sich Paul. Die Arme hochstreckend setzte er es auf den untersten Ast der Birke. Flatternd hüpfte das Küken zwischen Blättern höher ins Geäst. Mitten im Baum fand es sein Nest. Paul-Lias beobachtete, wie eine große,schwarz-weiß gefiederte Elster zum Vogelnest hinflog. Als er den Blick wieder senkte, fiel ihm am Boden etwas Funkelndes ins Auge. Im Gras neben dem Birkenstamm lag ein Schmuckstück. Er hob es auf und betrachtete es staunend. 

 

»Hey, Mutti, unter der Birke ist ein Kettchen gelegen!« Paul-Lias trat zu ihr an die Bank heran. Fasziniert lächelnd streckte er ihr die Handfläche mit dem glänzenden Schmuck entgegen. »Es ist echt schön, nicht wahr?« 

»Ui, ein edles Collier«, staunte Helga. 

Pauls Fingerkuppen tippten auf zwei haselnussgroße Juwelen. 

»Da hängen zwei Edelsteine dran, ein grüner und ein blauer. Schau dir den wunderschönen Smaragd an! Was für ein zauber-haftes Farbenspiel in Grüntönen.« 

 

»Der zweite Juwel, der blaue Saphir, funkelt ebenso.« Helgas Finger mit roten Nägeln berührten den Stein in Pauls Hand. »Wie herrlich er glänzt! Beide Juwelenkugeln sind mit Sternchen umkränzt, mit kleinen Diamanten.« 

»Die Saphirkugel erinnert mich irgendwie an einen Globus, als seien die blauen Farbflecken Meere und Länder.« Paul-Lias über-legte. »Logisch! Blau ist doch unsere Erde, wie sie die Astronauten vom All her betrachten.« Er hockte sich neben die Mutter. »Schau! Genau acht Diamantsternchen kleben am Saphir. Sagen wir: Er stellt die Erde dar und die Sternlein rundum sind die acht Planeten des Sonnensystems.« 

»Klug gedacht, Pauli! Was aber symbolisiert der Smaragd?« Helga hustete kurz. »Rund um diese grüne Kugel kleben nur sieben winzige Sterne, ohne dass einer abgebrochen wäre.« 

»Das ist echt seltsam, Mutti. Die Smaragdkugel sieht auch so aus, als seien darauf Berge und Meere dargestellt. Ist sie etwa ein kleiner grüner Globus, umgeben von sieben Planeten?« Paul-Liasschüttelte nachdenklich den Kopf. »Jedenfalls scheint das goldene Kettlein mit den Anhängern ein Amulett zu sein.« Seine Hand umschloss es fest. »So einen Talisman mit zwei echten Juwelen hätte ich gern. Der ist echt schön und wundervoll. Doch wir müssen ihn am Fundamt abgeben – wie schade!« 

»Gib her, ich werde es erledigen.« Helga nahm ihm das Collier ab und steckte es in eine Tasche ihrer Bluse. »So, und jetzt gönnen wir uns ein Frühstück. Komm, wir gehen ins Haus. Aber durch die Vordertür neben meinem Salon. Ich schaue nach, ob die Tür auch wirklich versperrt ist.« Sie erhob sich. 

»Scolli, komm her!«, rief Paul seinen Hund herbei, der gerade mit einem Dackel Fangen spielte. 

Bellend kam der Pudel zu Paul-Lias und Helga angerannt. Die beiden schritten durch einen Torbogen und gelangten zur Straßenseite eines hohen sandgelben Wohnhauses. Im Parterre starrten blaue Puppenaugen aus einer schmucken Auslage. Die großen und kleinen Puppen trugen drollige Perücken. Auf der Scheibe davor stand in silbernen Lettern: 

»Salon Tipp(i)topp – Frisuren für alle«. 

 

Mitten auf der nahen, belebten Straße ratterte eine Straßenbahn auf Schienen vorbei. Paul-Lias warf einen Blick hinüber. In der blauen Luft darüber schwebte eine bauschige graue Wolke, deren Ränder gelb glühten. 

Plötzlich schoss ein Blitz im Zickzack über den Himmel – er zuckte bis zu den Drähten der Bahnoberleitung herab. Ein Donner knallte, als wäre eine Bombe explodiert. Der Blitz hatte in die Stromdrähte eingeschlagen. Erschrocken floh Paul-Lias mit dem Pudel zur überdachten Haustür hin. Da der Hund winselte, tätschelte er ihn. 

 

»Das war ein geisterhafter Blitz, Scolli«, sagte er, »ein Blitz aus halb heiterem Himmel. Aber du brauchst keine Angst mehr zu haben.« 

 

Helga rüttelte gelassen an der Tür ihres Friseursalons. Mit klappernden Schritten folgte sie dem Sohn und dem weißen Pudel in das Haus. 

 

 

Dunkel war es in der Wohnung im achten Stock, als Paul-Lias dort ankam. Im Wohnzimmer, dessen Fenster mit blauen Vor-hängen verhüllt waren, machte er es sich am Sofa bequem. Am gedeckten Tisch, unweit einer hellen Schrankwand, duftete eine Kanne Kaffee. Donnergrollen drang in den Raum herein. Helga schaltete den Fernseher für die Nachrichten ein. 

Es war das Verdienst der Großmutter, dass alle Sachen für den Urlaub bereits tipptopp gefaltet in den Koffern verstaut lagen. So wie auch die Wohnung tipptopp aufgeräumt war: tipptopp der Schrank und die Bank, der Boden blitzblank, die Blumenstöcke und Möbel staubfrei. Judith-Oma achtete stets auf Ordnung. Eben wischte sie dem Pudel die Pfoten ab. Danach brachte sie ihm einen Futter- und einen Trinknapf. 

Scolli leckte durstig das Wasser. An ein Zierkissen gelehnt schlürfte Paul-Lias Milchkaffee und lauschte den Nachrichten. Seine Füße machten der Großmutter Platz, die sich neben ihn setzte und tief ins Sofa einsank. Das geheimnisvolle Amulett ging ihm nicht aus dem Sinn. 

»Mutti, zeig bitte Judith-Oma unser tolles Fundstück!« 

»Ja gleich.« Auf einem rosa Lehnstuhl sitzend besprühte Helga ihr Blondhaar mit Spray. Sie trank noch ein Schlückchen Kaffee, ehe sie das Collier aus ihrer Blusentasche zog. Judith zugewandt hielt sie es in die Höhe. 

 

»Ui, ein Kettchen mit echten Juwelen!«, staunte die Groß-mutter mit vollem Mund. »Das ist bestimmt sehr wertvoll.« 

»Und geheimnisvoll. Wir müssen es leider zum Fundamt brin-gen.« Paul-Lias trank seine Tasse in einem Zug leer. 

Er sah zum Bildschirm hin, und die gezeigten Bilder fesselten ihn. Mond und Sterne leuchteten golden am dunklen Himmel. Mittendrin raste eine blinkende Rakete tief hinein in das unend-lich weite All. Staunend lauschte Paul dem Bericht. 

 

»Gestern wurde am Himmel über der Linzer Donau bis hin zum Schneeberg ein fremdes Flugobjekt gesichtet. Augenzeugen sahen es leuchten wie ein Feuerwerk. Man rätselt, ob es sich um ein Ufo gehandelt hat. Die Form des Flugobjekts war indes oval.« 

Paul-Lias horchte auf. Er umklammerte den Hund, der auf seinen Schoß gesprungen war. Den Blick wandte er nicht vom Fernseher ab, wo die Sendung »Sterne in weiter Ferne« lief. 

»In der letzten Folge ging es um unsere Galaxie: um die Milchstraße und um die acht Planeten, die die Sonne umkreisen«, sagte die Moderatorin. »Heute berichten wir über Sterne und Kometen fern unseres Sonnensystems.« 

Helga bemühte sich, tief atmend einen Husten zu stoppen. 

»Schon lange suchen Astronomen mit speziellen Teleskopen nach Sternen, die der Erde ähneln«, fuhr die Sprecherin fort. »Jüngst sichtete man einen solchen Erdenstern in einem fernen Sonnensystem des Alls. Vermutlich gibt es allerlei Lebewesen auf jenem Planeten, der unserer Erde wie ein Zwilling gleicht.« 

Am schwarzen Bild voller heller, bewegter Punkte erschien ein grüner Sternenball. Smaragdgrün leuchtete er. 

»Unsere Vermutung lässt sich derzeit nicht beweisen«, ergänzte die Moderatorin. »Denn die fremde Erde ist tausende von Licht-jahren weit von uns entfernt. Keine Rakete wäre imstande, je so weit zu ihr hinzufliegen. Ob es auf ihr Pflanzen, Tiere, Menschen oder Aliens gibt, bleibt daher ein Rätsel.« 

Paul-Lias schob den Pudel von seinem Schoß hinab. »Wann holt uns endlich Onkel Jan ab?«, murmelte er vor sich hin. Er hüpfte auf und wollte den Tisch abräumen. 

»Pauli, lass das! Ich mach das schon.« Judith-Oma im blauen Hauskleid legte die Hände an die Hüften. »Mir ist es lieber, wenn du still sitzenbleibst – sonst werde ich nervös. Außerdem kann Jan jeden Moment kommen.« 

Paul-Lias gehorchte. An das Sofa gelehnt verschränkte er die Hände hinter dem Kopf. Der Fernsehmusik lauschend, dachte er mal an den bärtigen, braunhaarigen Vater, mal an den lieben Gott. 

 

»Wenn Herr Tippitopp Senior verschwunden bleibt, wird halt ab jetzt der Himmelvater mein einziger Vater sein«, überlegte er. »Wie und wo wohnt Gott eigentlich? Ist er ein unsichtbarer Geist in den Lufträumen des Himmels? Oder hat er eine menschen-ähnliche Gestalt und thront nah oder fern auf einem Stern?« 

Die Großmutter stapelte klappernd Teller und Tassen. »Was sagst du zum Bericht über das Ufo, Pauli? Es wäre doch möglich, dass es irgendwo bei uns in Österreich gelandet ist. Vielleicht hat ja sogar ein Außerirdischer deinen Papa entführt.« 

 

»Das wäre echt krass.« Paul-Lias zuckte mit den Schultern. »Vielleicht schnappte er ihn wie ein Greifvogel am Kragen und ist mit ihm weit fortgeflogen?« Ein Schmunzeln erhellte seine Miene. »Hoffentlich bringt uns der Alien den Vater wieder zurück!«, scherzte er. 

 

Jäh klingelte es an der Tür. Paul-Lias hüpfte auf und schulterte seinen blauen Stoffrucksack, an dem Bergschuhe baumelten. Er stolperte über seinen Pudel, als er zu seinem Onkel in den Flur hinauseilte. 

 

Die abenteuerliche Bergtour 

 

Unter der hellen Vormittagssonne lenkte ein Fahrer mit schütterem braunem Haar seinen Wagen über scharfe Kurven. Flink das Lenkrad nach rechts und links drehend, fuhr er die von steilen Almen umsäumte Straße bergauf. Seine Schwester schwankte am Nebensitz hin und her. 

»Helga, leg dich in die Kurven!« Jans hellgraue Augen im fein rasierten Gesicht warfen ihr einen besorgten Blick zu. 

»Ja gleich.« Sie griff in ihren Rucksack und suchte darin ein Fläschchen Parfüm. Dabei spürten ihre Finger die Kette, die Paul-Lias vor zwei Wochen gefunden hatte. Helga zog sie heraus und betrachtete sie wie ein Wunderwerk. 

»Ach, im Stress mit meinem Salon und den Friseusen hab ich ganz vergessen, das Collier zum Fundamt zu bringen.« 

»Macht nichts, Mutti. Leih es mir bitte!« Paul-Lias, der ihr gestyltes Blondhaar vor Augen hatte, beugte sich vor. Sanft entriss er ihr die Goldkette mit dem Smaragd und dem Saphir. »Diesen Talisman kann ich jetzt gut gebrauchen. In ihm könnte ein geheimer Zauber stecken – magische Kräfte. Nach dem Urlaub bringe ich ihn selbst zum Fundamt. In den Ferien habe ich ja alle Zeit der Welt.« 

Paul-Lias nahm die Kette mit den Juwelen an sich. Er legte sie um seinen Hals und verschloss sie am Nacken. Seine Hand befühlte die mit Diamantsternchen besetzten, kleinen Kugeln. Das Schweigen der Mutter wertete er als Einverständnis. Nun zog er die kastanienbraune Filzkappe des Vaters aus seinem Rucksack – dieses Andenken war ihm sehr kostbar. Er drückte die Kappe an sein Herz, ehe er sie auf den Kopf setzte. Ihr Geruch sollte später dem Pudel helfen, den Vermissten zu erschnüffeln und zu finden. Der lockige weiße Hund ruhte gerade schwer auf Pauls Schoß. Manchmal nieste er, weil ihn Helgas Parfümduft in der Schnauze juckte. Paul-Lias blickte verträumt aus dem Fenster – er sah Almen mit dunkelrosa Alpenröschen und Weiden voller Kühe. Ein lauer Wind rüttelte an sommergrünen Lärchen. Immer näher rückten drei Berge mit spitzen, schneebedeckten Gipfeln. 

 

Wenig später fuhren Paul-Lias, Helga und Jan schon mit der Seilbahn zum Dachsteingletscher hoch. Scolli, der Hund, war der vierte im Bunde. Die Gondel glitt zügig vor einem mächtigen, schroffen Felsen in die Höhe. Weit über dem winzig wirkenden Tal schwebte Paul-Lias in einem Hochgefühl. 

Plötzlich sah er am Himmel ein geheimnisvolles Flugobjekt leuchten – es glitzerte, als sprühe es Funken. Über dem Dachstein-kreuz war es aufgetaucht. Dahinter verschwand es sogleich. 

»Hey, Jan! Hast du das leuchtende Ding am Himmel gesehen? Was glaubst du? War es das Ufo, das man heute im Fernsehen zeigte?« Paul-Lias hielt sich an einer Stange fest, da die Gondel gerade stark schwankte. 

»Das kann ich dir nicht sagen.« Jans hellgraue Augen unter buschigen Brauen sahen nachdenklich zum Dachstein auf. 

 

In der Bergstation der Gletscherregion angekommen, hüpften die Ausflügler mit begeisterten Mienen aus der Gondel. Scolli sprang umher und jaulte vor Freude, im Freien zu sein. Trotz der warmen Sonne war es hier oben spürbar kühler als im Tal. Paul-Lias schlüpfte in Bergschuhe und in seine braune Walkjacke mit bunten Taschen, ehe er den Rucksack schulterte. Die Jacke knöpfte er über der Juwelenkette zu. 

»Schaut euch die herrliche Aussicht an«, sagte Jan. Wie eine Schnupfdroge sog er die reine Bergluft ein. 

 

»Die Sicht ist super.« Fasziniert ließ Paul-Lias den Blick über die vielen Bergspitzen schweifen. Die Gipfel verkleinerten sich in der Ferne, bis sie mit weißen Wolken verschmolzen. 

»Hey, kommt! Lasst uns den Vater suchen«, drängte Paul. 

 

Vor Helga und Jan marschierte er auf einem schneeigen Pfad durch den sanft hügeligen, weiten Gletscher. An seinen Wangen spürte er angenehm die Sonnenwärme. Den Schneebällen, die er warf, jagte Scolli übermütig nach. Er verbellte die grau-schwarz gefiederten Dohlen, die sich wie er am Schnee tummelten. Paul-Lias und seine Begleiter steuerten auf den Dachstein zu, der von hier aus nicht mehr hoch erschien. Ein dickes neongrünes Seil grenzte den Weg von einem Schneefeld ab, zu dem der Zutritt verboten war. Knapp hinter dieser Absperrung steckte alle zwanzig Meter ein Warnschild. 

»Achtung, Gletscherspalten«, stand darauf. 

Jan entdeckte, meterweit vom Weg entfernt, im glitzernden Schneefeld einen schwarzen Fleck – ein dunkles Loch. 

»Schaut, dort klafft eine Gletscherspalte!« Sein Arm zeigte hin. »Offenbar hat die Bergrettung dort gesucht. Rundum ist Schnee aufgehäuft.« Jan leinte den Hund an und reichte dem Neffen sein Fernrohr. 

 

Paul-Lias legte es an die Augen. »Hui, diese Spalte ist ein ganz tiefes Loch! Wer da hineinstürzt, wird vom finsteren Schlund verschluckt. Dort den Vater zu suchen, hat keinen Sinn mehr.« Mit einem Seufzer senkte er seine Arme. 

»Das stimmt.« Die Mutter wandte ihm ihr gebräuntes Gesicht zu. »Nur in Felshöhlen könnte er überlebt haben. Das Essen von Schnee schützt vor dem Verdursten.« 

 

»Vorwärts – marschieren wir weiter!« Jan schritt flink voran. 

Nach etwa einer Stunde Gehzeit tauchte eine Hütte mit weiß-blauen Balkonblumen auf. Leise hörte man das ferne Geplauder der davor rastenden Wanderer. Die Gipfelhaube des Dachsteins war jetzt zum Greifen nahe. Bergsteiger mit bunten Helmen kletterten an der Felswand empor. Paul-Lias spähte durch das Fernrohr zum Gipfel und zu den angrenzenden Felsen. 

»Am Berg neben dem Dachstein sitzt ein brauner Greifvogel«, rief er plötzlich. »Ein Adler!« Seine Finger drehten den Zoom-hebel des Fernglases und vergrößerten das Bild. »Ach nein, das kann kein Vogel sein. Er hat ja zwei Beine wie ein Mensch.« 

»Der Adler, den du siehst, ist sicher die Verzierung eines Sturz-helms«, meinte die Mutter kopfschüttelnd. 

»Die Adlerfedern der Gestalt sahen aber echt aus«, warf Paul-Lias ein, »und die Menschenbeine auch.« 

Der Onkel lachte hüstelnd hinter seiner an den Mund gelegten Hand. Die drei Wandernden und der Hund waren jetzt bei der Hütte angekommen. Jan holte ein paar Sandwiches aus seinem Rucksack und legte sie auf eine Holzbank. Während er sich mit Helga unterhielt, schnappte sich der Hund ein Schinkenbrot und verschlang es im Nu. 

 

»Scolli, sei nicht so keck!« Paul-Lias zog ihn am Halsband weg. Er hockte sich auf die Bank und aß ein Sandwich. Sein Handy, das er einschaltete, hatte hier keine Netzverbindung. Es blieb stumm, nachdem er die Nummer seiner Schulfreundin Sophie gewählt hatte. Auch zum Vater, mit dem er sich geistig zu verbinden versuchte, fand er keinen Draht. 

Ein Bergführer in einem Sportanzug bahnte sich seinen Weg durch umstehende Hüttengäste und kam heran. Helga und Jan grüßten ihn freundlich. Sie befestigten Steigeisen an ihren Berg-schuhen und stülpten neongrüne Sturzhelme über die Köpfe. 

 

»Tschüss, Pauli!« Die Mutter ergriff ein Kletterseil. »Pass gut auf Scolli auf, bis Onkel Jan und ich wieder zurück sind!« 

»Wir werden bis zum späten Nachmittag unterwegs sein«, sagte Jan. »Deinen Vater suchen wir nicht nur am Dachstein, sondern vor allem auf den angrenzenden Felsen.« Er nahm dem Neffen das Fernrohr ab. »Also dann, Paul-Lias: Adios! Bleib in der Nähe der Hütte! Geh nur auf gesicherten Wegen und betritt nicht die gefährlichen Schneefelder!« Er klopfte dem Jungen zum Abschied auf die Schulter. 

»Jaja. Tschüss, Onkel Jan. Adieu, Mutter!« Paul winkte. 

Er taumelte ein paar Schritte vorwärts, da der Hund winselnd und bellend an der Leine zog. Scolli wäre gern dem Frauchen nachgerannt. Paul-Lias blieb auch ungern allein mit dem Pudel zurück. Er wusste aber: Wenn die Mutter etwas befahl, beharrte sie felsenfest darauf. 

»Scolli, sei lieb; komm brav zu mir her!«, rief er. 

Da der Hund gehorsam zu ihm zurücktrabte, hockte sich Paul-Lias neben ihn auf einen großen Stein. Den weißen Lockenkopf des Pudels kraulend, blickte er seiner Mutter und Jan nach. In einer schmalen Felsrinne begannen sie ihren Aufstieg auf den Dachstein. Vom Gletscher bis zum Gipfelkreuz lagen noch etwa zweihundert Meter Kletterstrecke vor ihnen. 

 

 

Da die beiden außer Sichtweite gerieten, sah sich Paul-Lias in der belebten Umgebung um. Rechts von der Berghütte bis zur Seilbahn erstreckte sich jener Teil des Gletschers, wo es von Wanderern nur so wimmelte. Auf der linken Seite grenzte der Gletscher an schneebedeckte Gebirgsfelsen. Zwischen diesen Bergspitzen und der Hütte senkte sich ein menschenleeres Schneefeld weit hinab zu einer kleinen Schlucht – genauer gesagt, zu einer Kar-Mulde. Eine am oberen Rand steckende Warntafel hielt Wache über jenen großen Schneehang. Von der Sonne erwärmt, kühlte Paul-Lias seine Hände im Schnee. 

»Scolli, wir beide bleiben hier nicht untätig sitzen«, sagte er nun. »Wir suchen auch den Vater. Einverstanden?« 

Der weiße Hund legte hechelnd die Vorderpfoten auf die Knie seines Herrchens. Pauls Blick prüfte das einsam schlummernde Schneefeld links von der Hütte. Weit unten blitzten silbrige Funken auf. Das Sonnenlicht allein bewirkte wohl dieses helle Glitzern nicht. 

Da er aufstand, tänzelte sein Pudel um ihn herum. Gemächlich steuerten die beiden auf den linken, einsamen Gletscherhang zu. Dort entdeckte Paul-Lias tiefe Schuhspuren im Schnee. Die Spuren von Männerschuhen führten über den Hang weit hinab. Wo sie zu enden schienen, sah man das Gefunkel. 

»Da unten glitzert etwas echt seltsam«, staunte Paul-Lias und zog an der Hundeleine. »Jö! Das Licht spiegelt sich am Schnee. Das schauen wir uns genauer an. Auf geht’s, Scolli!« 

Der Pudel bellte und winselte abwechselnd, als warne er ebenso wie das Schild am Schneefeldrand, worauf stand: 

»Achtung, Gletscherspalten! Zutritt verboten!« 

 

»Ach was! Scolli, sei kein Angsthase!« Paul tätschelte ihn. »Wir brauchen uns doch nur an die Fußspuren zu halten. Wo Spuren sind, gibt es keine Gletscherspalten. Logisch, oder?« 

Er sah zum Himmel auf, worunter kreischende Dohlen flogen. Den Pudel an der Leine führend, wanderte Paul-Lias vorsichtig über das ungesicherte Schneefeld. Knirschend stapften seine Füße von einer Schuhspur zur anderen. Waren es gar die Spuren seines Vaters? Er drehte sich noch einmal zur Hütte um. Kein Ausflügler folgte ihm. Einzig ein Herr in einer moosgrünen Jacke stand am Schneefeldrand. Zugegeben, an Pauls Herz nagten Gewissens-bisse. Denn er war wie das Rotkäppchen im Märchen in ein verbotenes Gebiet gedrungen. Zwar gab es hier keine Wölfe, aber Schlunde, die Menschen verschluckten. Er nahm die kastanien-braune Kappe des Vaters vom Haar, bückte sich und ließ den Pudel daran schnuppern. 

»Such den Vater, such dein Herrchen, dein Senior-Herrchen!«, befahl er. 

 

Die Kopfbedeckung roch zwar nicht mehr eindeutig nach Herrn Tippitopp, dennoch schnüffelte der Hund sofort am Schnee. Paul setzte die Kappe wieder auf und folgte ihm. Je weiter er den Hang hinabstieg, umso stärker glitzerte der Firn – umso heller leuchtete aus der Tiefe ein Licht. 

Auf halber Höhe blieb Paul-Lias stehen. Von hier aus vermochte man bis zur Kar-Mulde hinabzusehen. Der Glanz tanzender Lichtfunken ging von einem rechteckigen Objekt aus. War es ein beleuchteter Schuppen, worin sich sein Vater aufhielt? Paul übersah, dass der Pudel weitergetrabt war. Da sich die Leine ruckartig straffte, plumpste er mit einem Bauchklatscher in den Tiefschnee und sank darin ein. 

»Komm zurück, Scolli!«, rief er eindringlich und raffte sich auf. »Rodeln wäre einfacher«, überlegte er seufzend. 

 

Hechelnd trabte der Pudel an ihn heran. Paul-Lias erhob sich und klopfte Schneestaub von seinen Jeans ab. Dann nahm er den Rucksack von den Schultern. Er zog einen blitzblauen Plastik-beutel heraus, legte ihn auf den Firnschnee und setzte sich darauf. Seine linke Hand umfasste den Leinengriff. 

»Hey, Scolli, gleich geht’s flotter weiter«, rief er. 

»Stopp, stopp!«, schrie plötzlich jemand aus voller Lunge. »Kehr um, Junge!« Der Herr in der grünen Jacke hatte sich ins obere Schneefeld gewagt, um den Waghalsigen zu warnen. 

Paul-Lias drehte sich um und spähte zu jenem Fremden hinauf. 

»Nicht runterrutschen!«, schrie der Herr, kopfschüttelnd die Arme schwenkend. »Rodeln ist hier gefährlich!« 

»Ich bleib eh auf den Spuren«, rief Paul zurück. 

»Den Spuren, Spuren«, hallte das Echo. 

Mit zerzaustem Haar am blauen Plastiksack sitzend, wandte sich Paul-Lias wieder dem Abhang zu. Mit den Füßen tretend brachte er sich in Bewegung. Im Nu rutschte er von allein, und die Fahrt ging los. Immer schneller rodelte Paul. Immer steiler neigte sich der weiße Hang. Schnee aufwirbelnd galoppierte der große Pudel neben seinem Herrchen bergab. 

Plötzlich bogen die Fußspuren, die bisher schnurgerade senk-recht verlaufen waren, schräg nach links ab – sie formten eine scharfe Linkskurve. Paul-Lias verlagerte sein Gewicht. Mit einem Bein bremsend versuchte er, die Kurve zu nehmen. Doch beim rasanten Rodeln schaffte er es nicht. Er kam von den Spuren ab und raste senkrecht den Hang hinab. Scolli blieb dicht an seiner Seite. Geradeaus raste Paul-Lias am unberührten Schnee zur Kar-Mulde hinunter – direkt auf einen schwarzen Fleck zu. Er wusste: Was so pechschwarz aussah, war ein enorm tiefes Loch – eine Gletscherspalte. Noch war sie Dutzende Meter weit entfernt.